Die Autorin Edeltraud Glaab

Wann wird er angeschlagen, der Ton, der uns als leiser Mahner durch unser ganzes Leben begleitet und dessen Stimme doch allzu oft ungehört verhallt? Mir ist das Gefühl, das in diesem Moment entstand, noch heute vollkommen gegenwärtig.
Meine Eltern hatten mir ein Geschenk mitgebracht. Ein flacher, weiβ eingeschlagener Karton lag auf dem Tisch vor dem Küchenfenster. Ich vermutete etwas Praktisches, Strümpfe vielleicht, die hoffentlich nicht kratzten oder neue Unterwäsche. Stattdessen wickelte ich ein Buch aus. Mein allererstes Buch. Ich nahm es in die Hand mit einer Mischung aus ungläubiger Freude und Ehrfurcht. Und ich erinnere mich an das weiβe Cover, auf dem ein junges Mädchen mit Bewegungen voller Anmut und Leichtigkeit fröhlich in die Welt lächelte. Alle lieben Christa stand über diesem Wunder, von dem ich als Siebenjährige mit meinen Wutausbrüchen, meinen Pausbacken und meiner Topfdeckelfrisur meilenweit entfernt war. In den folgenden Tagen wurde ich eingeweiht in das aufregende Leben eines mir unbekannten Menschen. Nach wenigen Tagen war mir Christa vertraut, sie war wie eine groβe Schwester, und mit ihr wuchs die Sehnsucht nach einer unerreichbaren, fremden und aufregenden und traumhaft schönen Welt.
Diese Sehnsucht stillte ich in den folgenden Jahren mit einer unzählbaren Menge an Büchern, die ich wahllos verschlang. Bücher, die mich von der Realität wegführten, zu Fluchtorten wurden und Bücher, aus deren Träumen ich mein Leben gestaltete. Es waren oft die Worte der Dichter, die sich in vielen, vor allem schwierigen Situationen bewahrheiteten, sich als tragfähig erwiesen. Umgekehrt habe ich im Laufe meines Lebens Lehren gezogen und Einsichten gewonnen, die mir später in einem Roman oder in einem Gedicht wieder entgegentraten. Formuliert von Menschen mit völlig anderen Lebensumständen und doch der gleichen Sichtweise auf wesentliche Dinge. Das gibt Mut.

Andererseits, jeder Gedanke wurde bereits gedacht, jede Erkenntnis vielfach in Worte gefasst. Wozu also sich die Mühe machen, wozu versuchen, es noch einmal aufzuschreiben? Vielleicht, weil wir uns die Mühe machen müssen, es noch einmal zu denken. So wie jedes Kind sich die Mühe machen muss, das Laufen zu erlernen, sich Schritt für Schritt die Welt zu erobern, so sind wir auch aufgerufen, uns mit den ewigen und immer gleichen Fragen, die uns das Leben stellt, auseinanderzusetzen und im Durchgehen und Durcharbeiten des uns Aufgegebenen eine persönliche Antwort zu finden. Ich denke, es geht oft gar nicht so sehr darum, Lösungen zu finden, sondern vielmehr eben um dieses Durchgehen, Durchkämpfen und Durchdenken, das zu einer Verwandlung unserer eigenen Person und somit auch zu einer geistigen Erneuerung unserer Gesellschaft führen kann.

Auf der Frankfurter Buchmesse 2005
Ich glaube oder bescheidener ausgedrückt, ich hoffe sehr, dass jeder Mensch auf jede Situation, vor die er gestellt wird, und sei sie noch so schwierig, die Freiheit hat, mit einem Ja oder einem Nein antworten zu können. Ich plädiere für das Ja, weil dadurch den helfenden und verwandelnden Kräften das Tor geöffnet wird. Aus diesem Geist versuche ich zu erzählen und Gedichte zu schreiben. Ob ich Worte finde, die berühren und diesen Geist ausströmen, entscheiden meine Leser. Ich hoffe, ihnen etwas geben zu können, was auch ich in Büchern gefunden habe.